journalist, Januar 2013

INHALTE & FORMATE Lausitzer Rundschau

Einmal sind sie hinter ihm hergelaufen

Spremberg ist kein gewöhnlicher Ort. Es liegt kurz vor der polnischen Grenze – und taucht immer wieder im Bericht des Verfassungsschutzes von Brandenburg auf. Auch die Spremberger Lokalredaktion der Lausitzer Rundschau ist keine gewöhnliche Lokalredaktion. René Wappler denkt trotzdem nicht ans Aufhören.

von Wolfgang Lenders (Text) und Sebastián Laraia (Fotos)

Zeitungsstapel liegen in den Regalen, auf den Schreibtischen ein buntes Durcheinander aus Pressemitteilungen, Zeitungsseiten und Notizen. An der Wand Landkarten, Stadtpläne und dazwischen ein Kalender der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft, dem in Senftenberg beheimateten Bergbausanierer des Bundes. Auf dem Tisch ein grinsendes, rosafarbenes Porzellan-Sparschwein. Darin klappert eine einsame Münze. Das Schwein ist ein Weihnachtsgeschenk der Sparkasse. Lokalredakteur René Wappler hat es schon als Fotomotiv zum Thema Haushaltskürzungen benutzt.

Die Spremberger Lokalredaktion der Lausitzer Rundschau hat ihr Büro in einer Gasse, ganz in der Nähe vom Marktplatz. Spremberg, das ist eine Stadt mit knapp 24.000 Einwohnern. Die CDU ist stärkste Partei, gefolgt von Linken und SPD. Zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt gehören die im 16. Jahrhundert gebaute Kreuzkirche, das Postamt aus dem späten 19. Jahrhundert und der auf Initiative des Verschönerungsvereins gebaute, 1903 eingeweihte Bismarckturm. Der gut 20 Meter hohe Turm steht in einem Park oberhalb der Altstadt. Auf der Spitze des Turms thront eine Feuerschale. Um den Turm zieht sich ein Schriftzug mit einem Zitat von Reichskanzler Otto von Bismarck: „Wir Deutsche – fürchten Gott – sonst nichts – auf der Welt.“

Vor dem Turm ließ sich im Frühjahr 2012 eine Gruppe Vermummter fotografieren – mit Fackeln, Fahnen und Transparenten. Das Foto erschien auf Webseiten der rechtsextremistischen Szene. Wappler bekam einen Tipp – und berichtete. „Der Verfassungsschutz des Landes Brandenburg dürfte sich in nächster Zeit besonders für die Spremberger Nazi-Szene interessieren“, lautete der erste Satz seines Artikels. Zwei Tage später klebten auf der Fensterfront der Redaktion plakatgroße Abzüge des Fotos. Und neben der Eingangstür stand in weißer Sprühfarbe: „Lügenpresse halt die Fresse.“ Wiederum einen Tag später, in der Nacht zum 1. Mai, lagen Innereien vor der Tür. Vermutlich Schweinedärme.

René Wappler hat kurze Haare, trägt Jeans und einen schwarzen Pulli, so einen mit Kragen und Reißverschluss bis zur Brust. Seit Sommer 2011 arbeitet er in der Lokalredaktion in Spremberg. An einem Schrank dort hängen Zeitungsausschnitte: Stilblüten und Kuriositäten, die es irgendwie ins Blatt geschafft haben. Die Ausschnitte sind noch von den Vorgängern. Er halte nicht viel von solchen Sammlungen, sagt Wappler. Es sei ihm wichtig, einen Fehler zu korrigieren – mit einer Meldung, über der auch das Wort „Korrektur“ stehe.

Während des Gesprächs klingelt das Telefon: die Zentrale in Cottbus. Wappler bittet um einen Moment Geduld und gibt die Themen für die nächste Ausgabe durch. Jeden Tag füllen er und eine Kollegin zwei Zeitungsseiten unter dem Titel Spremberger Rundschau. Da schreibt er über neue Arbeitsplätze im Industriegebiet des Stadtteils Schwarze Pumpe, über Gelbe Säcke, die in Brand geraten sind, und eben auch über Neonazis. Er behandele das wie jedes andere Thema auch, sagt er. „Wir berichten, wenn es etwas Berichtenswertes gibt.“

„Ich hab die Nächte miterlebt“

Viele der Texte über Rechtsextremismus hat Wappler gemeinsam mit Simone Wendler geschrieben. Sie rutscht auf einem der Drehstühle hin und her, hat graue Haare, trägt Brille, Bluse und Strickjacke. Wendler arbeitet normalerweise in Cottbus und schreibt für den Mantelteil der Lausitzer Rundschau. Dass die ganze Redaktion hinter der Berichterstattung steht, das ist ihr wichtig. Und auch, dass nicht immer derselbe Name über den Artikeln steht. „Wenn mehrere Namen auftauchen, signalisiert das, es reicht nicht, einen von uns zu verhauen“, sagt die Journalistin.

Die beiden schätzen, dass es rund 30 zum Teil gewaltbereite Rechte in Spremberg und Umgebung gibt. „Spremberg kommt seit Jahren immer wieder in den Verfassungsschutzberichten Brandenburgs vor“, sagt Wendler. Die Rechten seien schon lange präsent. So habe es beim Heimatfest immer wieder Angriffe auf linke Jugendliche gegeben. In jüngster Zeit ist die Szene aktiver geworden. 2011 wurde auf einer Website dazu aufgerufen, SPD-Politiker auf der Straße anzuspucken.

Nach dem Treffen in Spremberg muss Simone Wendler noch nach Hoyerswerda. Dort gibt es eine Diskussionsrunde zum Thema Rechtsextremismus. Wendler kennt die Stadt. Anfang der 90er war sie dort für den Tagesspiegel unterwegs. Im September 1991 griffen Neonazis die Bewohner eines Vertragsarbeiter- und eines Flüchtlingsheims an. „Ich hab die Nächte miterlebt“, sagt sie.

Auf einem Regal hinter dem Schreibtisch von René Wappler steht ein brauner Pappkarton, darauf liegt ein buntes Stück Geschenkpapier mit einem Aufkleber, auf dem die Adresse der Redaktion zu lesen ist. In dem Karton waren mal Bücher zum Thema Rechtsextremismus. Ein Geschenk von einer jungen Kollegin aus Berlin, sagt Wappler. Ja, das habe ihn schon bewegt, die Reaktionen nach den Angriffen. Viele Journalisten riefen an, um zu berichten, manche aber auch, um ihm Mut zu machen.

„Wenn 10, 15 Leute einen fragen, ob man Angst hat, dann denkt man immer wieder drüber nach“, sagt er. „Es ist gut, wenn man sich seinen Geschichten widmet und einfach weitermacht.“ Er treibe gerne Sport und halte sich damit den Stress vom Leib.

Die Zeit berichtete groß über die Angriffe in Spremberg, auch der Tagesspiegel, die Süddeutsche Zeitung. Das Netzwerk Recherche zeichnete René Wappler mit dem Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen aus. Die Lausitzer Rundschau erhielt den Preis für Zivilcourage gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Rassismus von der Jüdischen Gemeinde Berlin und dem Förderkreis für das Holocaust-Denkmal. Ein paar Tage später kleben vier Fotos auf dem Briefkasten vor der Redaktion. Sie zeigen die Vermummten vor dem Bismarckturm.

Böse Briefe? Das ist normal

In seinem Büro in Cottbus sitzt Chefredakteur Johannes M. Fischer am Besprechungstisch. Hat er Angst um seine Mitarbeiter in Spremberg? „Ich mache mir schon Sorgen“, sagt er. „Dass man böse Briefe kriegt, ist normal. Die Heftigkeit hier hat mich aber überrascht.“ Fischer sieht die Zeitung in der Pflicht, über die rechte Szene zu berichten. „Man kann es nicht geschehen lassen, sonst ufert es aus“, sagt er. Nicht jeder in der Branche ist seiner Meinung.

Ein Problem mit Rechtsextremisten gibt es außer in Spremberg auch auf der sächsischen Seite des Verbreitungsgebiets, in Weißwasser und Hoyerswerda. In Hoyerswerda gab es einmal einen Angriff auf das Wahlkreisbüro von Caren Lay, der Bundestagsabgeordneten der Linkspartei. Die Lausitzer Rundschau blieb bislang verschont. „Es würde mich nicht wundern, wenn da mal was passiert“, sagt Fischer. Ihm ist es wichtig, dass die Redaktion hinter der Berichterstattung steht. Wichtig sei, dass nicht einer allein den Kopf hinhalte. „Ich habe allen gesagt: Wenn es zu heikel wird, tauschen wir euch aus.“

In Spremberg tritt René Wappler vor die Tür der Redaktion und zündet sich eine Zigarette an. Ein Mann spricht ihn auf den Sportteil an – und verschwindet im Geschäft auf der anderen Straßenseite. Einmal, als Wappler hier stand, flog ein Kracher in seine Richtung. Einer von den starken Blitzkrachern, die in Deutschland verboten sind und die immer wieder aus dem benachbarten Polen eingeschmuggelt werden. Wer ihn geworfen hat, hat Wappler nicht gesehen. Es gab einen lauten Knall. Wie bei einem Schuss.

Wo er wohnt, ob er Familie hat – dazu sagt Wappler nichts. Nicht mehr. Er kommt aus Cottbus, wollte schon zu DDR-Zeiten Journalist werden. 1988 machte er die Aufnahmeprüfung für die Universität Leipzig. Doch dann beginnt er die Ausbildung zum Hörfunkjournalisten doch nicht – angesichts der politischen Zwänge hätte er sich nicht glücklich gefühlt. Dann kam die Wende, mit 19 Jahren volontierte Wappler beim Cottbuser General-Anzeiger, eine der neuen Tageszeitungen, die die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung nicht überlebten. Damals traf er sich hin und wieder mit dem Vorsitzenden der rechtsextremen Partei Deutsche Alternative, Frank Hübner, der heute für die NPD in der Cottbuser Stadtverordnetenversammlung sitzt. „Das war damals völlig schlüssig“, sagt Wappler. „Ich war euphorisch, dass man jede politische Einstellung in der Zeitung abbilden konnte.“ Heute würde er das nicht mehr tun. Obwohl er kritisch berichtet habe, habe er sich auch instrumentalisieren lassen. Er sei zum Glück nur Volontär gewesen, sagt er, und fast klingt das so, als wolle er sich entschuldigen.

Vielleicht wäre René Wappler in Spremberg mal in die Kneipen gegangen, in denen sich die rechte Szene trifft und hätte sich dort umgeschaut. Wäre da nicht die Reaktion auf seinen Artikel über das Treffen am Bismarckturm. „Ich fürchte, dann würde ich selbst Nachrichten produzieren“, sagt er. „Es gibt einen Unterschied zwischen vernünftiger Berichterstattung und Leichtsinn.“ Er überlegt einen Moment und fragt dann, was es denn überhaupt bringen solle, wenn er in eine der einschlägigen Kneipen gehen würde. Simone Wendler stimmt ihm zu. Sie habe seit vielen Jahren mit keinem Rechtsextremisten mehr gesprochen. „Was sollte ich dabei erfahren? Für die bin ich ,Systempresse‘, der gibt man keine Auskunft, oder zumindest keine ehrliche.“

Und dann fuhr er mit dem Mietwagen zur Arbeit

Am Eingang der Redaktion steht ein Tresen. Dahinter liegen Stapel von Büchern. Sie werden bei einem Basar verkauft, ein Euro das Stück, für einen guten Zweck. Gerade war der Spendenaufruf in der Zeitung. Nun kommen die Leser in die Redaktion und bringen Bücher vorbei. Jeder kann hierherkommen. Wer die Tür zu dem Ladenlokal öffnet, steht gleich im Büro der Redakteure. Und wenn mal einer der Rechtsextremisten vor dem Schreibtisch steht? Wappler fände das okay – wenn sich ein vernünftiges Gespräch ergebe. Der Chef der Spremberger Rocker – denen Kontakte zur rechten Szene nachgesagt werden – war schon mal da. „Aber der wollte nur alles zusammenbrüllen“, sagt Wappler. Von den Rechtsextremisten kam noch keiner ins Büro.

Einmal sind sie hinter ihm hergelaufen. Erst waren es nur ein paar, die ihm auf dem Weg zum Büro folgten, dann wurden es immer mehr. Wappler war mit dem befreundeten Pressesprecher von Vattenfall beim Fest der Vielfalt gewesen, einer Veranstaltung gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Er versuchte, mit einem der Neonazis ins Gespräch zu kommen. „Dreh dich um, latsch weiter“, sei die Antwort gewesen.

An diesem Abend ging René Wappler mit Polizeischutz zu seinem Auto. An den nächsten Tagen fuhr er dann mit einem Mietwagen zur Arbeit. Warum hält er das alles aus, warum hat er sich nicht längst in eine andere Redaktion versetzen lassen? Wappler überlegt kurz – und spricht dann noch mal von der Wende: „Wir wollten damals die Welt erleben. Und diese jungen Leute wollen das Land wieder verschließen. Die Freiheit beschränken – das ist fernab von meinem Lebenskonzept.“

Wolfgang Lenders arbeitet als freier Journalist in Leipzig. Sebastián Laraia ist Fotograf in Berlin.