DRadio Wissen, 4. April 2013

Das Minensuchgerät Mine Kafon

Jedes Jahr sterben tausende Menschen durch Landminen – oft lange, nachdem die Kriege in ihrer Heimat vorbei sind. Hilfsorganisationen versuchen, die tödlichen Fallen aus dem Boden zu entfernen. Doch das Räumen von Minen dauert sehr viel länger, als sie zu verlegen – und ist eine teure Angelegenheit. Massoud Hassani, ein Designer, der in den Niederlanden lebt, hat nun ein Minensuchgerät entworfen, dass äußerst günstig zu bauen ist und nur vom Wind angetrieben wird. Ein Beitrag von Wolfgang Lenders und André Eichhofer.

Atmo: Geräusch des Minensuchgeräts, dazu Geräusch von Wind

Der Wind treibt eine Kugel durch die Wüste. Sie macht dabei merkwürdige Geräusche, fast wie schwere Tritte. Sie sieht aus wie eine große Pusteblume – und ist eine Maschine, die Landminen räumt. Sie heißt „Mine Kafon“. In Dari, einer der beiden Amtssprachen Afghanistans, heißt Kafon „Explosion“, das Gerät auf deutsch also etwa Minen-Explodierer. Massoud Hassani hat es erfunden.

O-Ton: Es ist eine große Kugel, im Prinzip ein großer Ball. Er ist etwa zwei Meter hoch, im Durchmesser, und wiegt etwa 90 Kilo. Er wird vom Wind fortbewegt, und wenn er durch die Wüste rollt und dort auf eine Anti-Personen-Mine trifft, gibt es eine Explosion. Er sprengt sich selbst in die Luft und beseitigt gleichzeitig die Minen.

Atmo: Geräusch Mine Kafon, Wind, dann der Knall von der Explosion einer Mine, danach Wind.

Mine Kafon simuliert, wie ein Mensch laufen würde. Dazu hat die Kugel 175 Beine aus Bambusstangen.

O-Ton: Jedes Bambus-Bein endet mit einer Art Frisbee-Scheibe. Diese Frisbees funktionieren wie ein menschliches Bein, das auf den Boden tritt. Alle diese Bambusstäbe stecken in einem Kern in der Mitte und sie stehen nach allen Seiten ab. Das sieht dann wie eine Art Blume aus.

Massoud Hassani hat als Kind in Afghanistan gelebt, in Kabul, am Stadtrand, in der Nähe vom Flughafen. Direkt hinter dem Haus waren Minenfelder. Da durften die Kinder eigentlich nicht hin. Aber natürlich waren sie trotzdem dort – und haben mit den Minen und den Munitionsresten gespielt.

O-Ton: Wir sind manchmal dort hin gegangen und haben nicht explodierte Munition oder Minen eingesammelt. Die haben wir dann geöffnet, und da ist dieses TNT drin, und das kann man verbrennen. Das gibt ein richtig schönes Feuer. Uns hat das Spaß gemacht, aber einige Kinder wussten nicht, wie man sie öffnet. Wenn man aber mit einem Stein drauf schlägt, explodieren die.

Kinder wurden verletzt, einige getötet, aber irgendwie war das für Massoud Hassani damals normal. Im selbst passierte nichts. Er lernte beim Spielen auf der Straße aber, was man so alles aus herumliegenden Sachen basteln kann.

O-Ton: Wir haben mit einer Menge selbstgebastelter Spielzeuge gespielt. Wir haben dafür Müll von der Straße gesammelt, Verpackungen, Zigarettenschachteln, und wir haben alle möglichen Spielzeuge gebaut. Eines davon wurde vom Wind bewegt. Es war ein kleines, zu einem Zylinder gefaltetes Stück Papier.

Das Leben in Kabul war gefährlich. Hassanis Vater wurde getötet, und die Mutter floh mit ihm und seinem Bruder. Über Pakistan und Usbekistan kam er schließlich mit 14 Jahren in die Niederlande. Er ging zur Schule, schlug sich mit einem Job bei einem Wachdienst durch und wurde schließlich an der Designakademie von Eindhoven aufgenommen.

O-Ton: In meinem Abschlussprojekt habe ich Feuer, Erde und Wind erforscht. Gleichzeitig habe ich mich intensiv mit dem Spielzeug meiner Kindheut beschäftigt, und dann habe ich alle diese Dinge zusammengebracht. Ich dachte, vielleicht kann ich ja eines meiner Kindheits-Spielzeuge - das vom Wind angetrieben wird - größer und schwerer machen, und auch stärker, und es in einer Wüstenregion rollen lassen, in der eine Menge Landminen liegen.

Herausgekommen ist Mine Kafon – und die Idee scheint zu funktionieren. Die holländische Armee testete, dass das Gerät wirklich Minen auslösen kann. Und Massoud Hassani fuhr nach Marokko und ließ dort Mine Kafon vom Wind durch die Wüste treiben. Im Sommer will er nach Afghanistan fliegen und die ersten Minen räumen. Vorher ist noch viel zu tun.

O-Ton: Wir müssen jetzt Entscheidungen fällen, wie das Design aussehen wird. Im Moment ist ein nach dem Zufall arbeitender, vom Wind angetriebener Anti-Landminen-Ball. Aber in Zukunft kann es ein komplett unterschiedliches Produkt werden, das richtig systematisch arbeitet. Oder aber wir verbessern diesen Prototyp, machen ihn stabiler und entwickeln auch noch einen neuen GPS-Chip.

Auf einer Karte im Internet kann man dann sehen, wo der Mine Kafon lang gerollt ist und wo Minen explodiert sind.

O-Ton: Normalerweise sieht man, dass ein Mensch verletzt wird, und dann weiß man, oh, da ist ein gefährliches Gebiet. Bei diesem Projekt verlieren wir nur eine Maschine. Aber sie säubert nicht das ganze Minenfeld, sie gibt nur Hinweise. Auf der Karte kann man sehen, wo sie war, welche Route sie genommen hat, wo die gefährlichen Punkte sind. Und im zweiten Schritt kann man dann diese Gebiete auswählen und die richtigen Minenräumer hinschicken.

Nach drei bis vier Explosionen bleibt Mine Kafon irgendwo liegen. Das Gerät ist aber billig, die Teile kosten nur 60 Euro. Pro Mine also nur 15 bis 20 Euro, viel weniger als das Räumen sonst kostet. Dafür muss Mine Kafon aber massenweise produziert werden, am besten in einer Fabrik.

O-Ton: Schließlich muss alles perfekt passen. Sonst würden die Leute einfach irgendetwas bauen und es in die Landschaft werfen, und es könnte nicht funktionieren. Die Sicherheit ist sehr wichtig, und wir müssen ein gut funktionierendes Produkt bauen und es ihnen schicken, und sie können es dann dort zusammenbauen.

Atmo: Einschrauben eines Beins in Mine-Kafon

Den ersten Mine-Kafon hat Massoud Hassani in seiner Werkstatt zusammengebaut. Nun will er das Gerät weiterentwickeln – und hat dafür über die Crowdfunding-Plattform „Kickstarter“ rund 135.000 Euro eingesammelt.

O-Ton: Das Projekt entwickelt sich noch, und da ist es schwer, Verträge zu unterschreiben. Weil, wenn man mit einer Regierung zusammenarbeitet, dann sagen sie, das ist der Vertrag, du darfst hierüber nicht reden und darüber auch nicht. Also dachten wir ist Crowdfunding zu diesem Zeitpunkt eine gute Idee.

Für die massenweise Produktion ist aber noch einmal neues Geld nötig. Denn das Gerät könnte vielen Menschen helfen – in Afghanistan zum Beispiel, im Sudan oder in der Westsahara. In den Wüstengebieten der Erde liegen noch Millionen von Minen.

Atmo: Wind, Klappern von Mine Kafon, Explosion, danach nur Wind, langsam ausblenden.