Trierischer Volksfreund, 7. Juli 2005

Ausbildung

Mit Hemd, Krawatte und Feingefühl

Wenn die Azubis den Chef vertreten, geht es im Kaufland in Hermeskeil ein bisschen jugendlicher zu – aber nicht weniger streng

Von unserem Redaktionsmitglied
WOLFGANG LENDERS

HERMESKEIL. Die einen geben Befehle, und die anderen führen sie aus. Doch eigentlich sind alle gleich: Vier Wochen lang haben Auszubildende den Kaufland-Markt in Hermeskeil geführt.

Manchmal versteht Jimmy Neron die Kunden nicht. Er hält zwei Tüten tief gelber Bananen in der Hand. „So schmecken sie doch am Besten.“ Aber die Kunden wollen grüne Bananen, und so wirft er die reifen, süß riechenden Früchte achselzuckend in die Abfallkiste.

Jimmy Neron ist Profi für Obst und Gemüse. Der Azubi arbeitet für einen Monat als Abteilungsleiter bei Kaufland in Hermeskeil. Seit 5 Uhr räumt er die Obst- und Gemüseabteilung ein.

Die Pfirsiche sind heute nicht gut. Körbchen für Körbchen hebt Neron an. Schimmert an der Unterseite der Saft von matschigen Früchten, fliegt die Packung raus. Schließlich soll alles in Ordnung sein, wenn um sieben die Chefs kommen.

Pop-Musik dudelt aus den Lautsprechern, unterbrochen von Werbedurchsagen. „Morgen!“ Stefanie Baumanns Stimme übertönt die Musik im Geschäft. Baumann trägt Hemd und Krawatte, wie es sich für Chefs gehört. Die Krawatte ist lose gebunden, über dem zu weiten Hemd hängt ein weißes Jäckchen. Auch sie ist Auszubildende – und für vier Wochen Hausleiterin, gemeinsam mit zwei anderen Azubis.

Die drei Chefs begutachten Obst und Gemüse. Die Äpfel glänzen im Licht der Neonröhren. Frucht für Frucht nimmt Baumann in die Hand, tastet und drückt vorsichtig. Ihr Kollege Oliver Baselt, korrekt mit Anzug und Krawatte bekleidet, hat sich den Pfirsichen zugewandt. „Jimmy, komm mal her, was ist das denn?“, sagt er. Er hat einen matschigen Pfirsich entdeckt.

„Wie sieht’s denn hier aus?“ Baumann steht inzwischen auf der Laderampe. Aus den Müllcontainern steigt ein fauliger Geruch auf. Sie wendet sich an den Leiter des Lagers: „Lass mal jemanden hier sauber machen.“ Der widerspricht. Doch Chefin ist Chefin. „Ich muss mal kurz die Tür zu machen“, sagt Baumann. Für ein paar Minuten lässt sich das Geschehen im Kontrollraum an der Laderampe nur erahnen. Normalerweise sei es kein Problem, Anweisungen zu erteilen, sagt sie später im Büro. „Ich bin halt Hausleiterin, weil ich besser weiß, worauf es ankommt.“ Sie hat in wenigen Tagen ihre Abschlussprüfung, danach bleibt sie bei Kaufland – mit einem unbefristeten Vertrag, zunächst als Abteilungsleiterin für Molkereiprodukte in Schwalmstadt. In einigen Jahren würde sie gerne als Projektleiterin arbeiten – neue Märkte aufbauen und Übernahmen abwickeln, alle paar Monate an einem anderen Standort.

Doch genug der Zukunftspläne. „Kommt, Frühstück!“, ruft Baumann. In der Cafeteria gibt’s Nutellabrötchen und Cola. Auch hier dudelt Musik aus den Lautsprechern. Die Hausleiter haben einen Tisch für sich. Einige Meter weiter sitzt Jimmy Neron mit seinen Kollegen aus der Gemüseabteilung – zu weit entfernt, um mit den Hausleitern ins Gespräch zu kommen.

Die Frühstückspause ist zu Ende, die Chefs müssen ihren Repräsentationspflichten nachkommen. Eine Klasse der Berufsschule besucht das Azubi-Projekt. „Kommt, wir gehen in den Aufenthaltsraum, da können wir rauchen“, sagt Baumann nach der Führung durch den Laden. Sie steckt sich eine Zigarette an und lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück. Eine Berufsschülerin hat Fragen vorbereitet und liest sie von Karteikarten ab: „Was dürft ihr hier im Geschäft machen?“ Baumann richtet sich auf und bläst eine Rauchwolke in die Luft. „Alles“, sagt sie. „Der normale Hausleiter ist da, er darf uns aber höchstens Tipps geben. Die brauchen wir nicht zu befolgen.“ Wie sich der Umsatz entwickelt hat, ist die nächste Frage. Die Antwort hat die Hausleiterin auf Zeit sofort parat: „Fünf Prozent mehr als im Vorjahresmonat.“

Die Pfirsiche machen Jimmy Neron immer noch Sorgen. Gerade hat er zwei weitere tropfende Packungen weggeschmissen, mehr als 30 Körbchen insgesamt schon. Muss alles abgeschrieben werden. Doch Pfirsiche hin oder her, jetzt geht er erst mal essen. Sein Kumpel Adnan Terzic aus der Obst- und Gemüseabteilung kommt mit. Bei Putensteak in Currysauce dreht sich das Gespräch um den Vorabend. Da haben sie gefeiert – in Kell am See, wo sie in Ferienhäusern untergebracht sind. Es ist spät geworden – und irgendwann haben sich alle gegenseitig ins Wasser geschubst. „Bei Kaufland sind alle gleich. Party, Party, Party – aber die Abteilung steht“, sagt Neron.

„Abartig, ist das langsam!“ Stefanie Baumann sitzt im Hausleiter-Büro am Computer – und der funktioniert nicht so, wie sie es gern hätte. Baumann schaut sich die Abschreibungen der Woche an. „Nur 0,42 Prozent bei Molkereiprodukten, das ist gut“, sagt sie.

Die Pfirsiche sind wirklich nicht gut. 36 Packungen hat Jimmy Neron inzwischen in die stinkende Mülltonne geworfen. Nun steht die Bestellung für morgen an. „Bananen“, fragt er Adnan Terzic, „fünf Kisten?“ „Drei“ sagt der. „Nehmen wir mal vier“, entscheidet Neron. So gehen die beiden alle Artikel durch – und dann hat Neron Feierabend. Er fährt nach Hause, nach Trier, zum Lernen. In drei Tagen ist mündliche Prüfung.

Stefanie Baumann bleibt bei den anderen in Kell am See. Mit ihren Mitbewohnerinnen, die ihr tagsüber untergeordnet sind, sitzt sie am Tisch und beißt wie die anderen in ein rot glänzendes Stück Wassermelone. Chefin ist sie nur im Geschäft, nicht hier im Haus.

Im Garten feiert einer der Azubis seine Abschlussprüfung. Die Sektgläser klirren. „Asti Neirano – für 3,29 aus dem Kaufland in Hermeskeil“, sagt einer aus der Gruppe. Es hört sich an wie die Lautsprecherdurchsage im Laden.

Hintergrund

Vier Wochen lang haben 93 Auszubildende aus sieben Bundesländern den Kaufland-Markt in Hermeskeil geführt. Sie mussten alle Positionen in dem Geschäft besetzen – von der Kasse bis zur Hausleitung. Mit dem bundesweit einmaligen Projekt will die Firma ihre Auszubildenden auf künftige Führungsaufgaben vorbereiten.