kompakt, März 2014

TITEL Betriebsratswahlen

Mit voller Kraft voraus!

Was sind das für Menschen, die sich im Betriebsrat für ihre Kollegen einsetzen? Warum engagieren sie sich? Woher nehmen sie die Kraft, für ihre Sache zu kämpfen? kompakt hat eine langjährige Betriebsratsvorsitzende besucht. Im März wählen rund eine Million Beschäftigte 12 24 000 Betriebsratsmitglieder in 3400 Betrieben des Organisationsbereichs der IG BCE. Alle vier Jahre sind die Wahlen – und immer wieder finden sich Kandidaten für die nicht gerade einfache Arbeit.

Auf dem Schreibtisch von Bärbel Koch steht ein kleines Spielzeugschaf. Es hat ein weiches schwarzes Fell und lacht freundlich. Das Schaf hat Bärbel Kochs Stellvertreter Wilfried Rosinski – den sie liebevoll Willi nennt – aus dem Urlaub mitgebracht. »Ich bin das schwarze Schaf hier«, sagt sie. »Weil ich mich überall einmische.« Nicht immer ist der Dank der Kollegen gewiss. Und auch gegenüber dem Arbeitgeber darf sie nicht zu freundlich sein – schließlich muss sie die Interessen der rund 430 Mitarbeiter des Betriebs vertreten. Da geht es nicht immer friedlich zu.

Konflikte – die hat Koch zur Genüge erlebt. Wenn in den 1990er-Jahren Kündigungswellen kamen, Sozialpläne ausgehandelt werden mussten, zum Beispiel. Und als es im Jahr 2004 um den Abschluss einer Betriebsvereinbarung mit einer Öffnungsklausel ging. »6,7 Prozent weniger Lohn sollten gezahlt werden «, berichtet sie. »Ich habe gesagt, das mache ich nicht mit. Schließlich sind wir einen anderen Weg gegangen – das war ein harter Kampf.« Trotz aller Konflikte ist während ihrer Zeit als Betriebsratsvorsitzende nichts vor dem Arbeitsgericht gelandet. Darauf ist sie stolz, das merkt man ihr an. »Wir haben halt immer wieder miteinander geredet.«

Das Büro von Bärbel Koch ist zweckmäßig eingerichtet: ein weißer Schreibtisch, ein Besprechungstisch, Computer, Telefon, Akten. Sie hat als einziges Mitglied des Betriebsrats eine Freistellung. Wenn nichts anderes anliegt, sitzt sie hier und erledigt die tägliche Arbeit. Sie bereitet zum Beispiel Sitzungen vor, ist aber auch immer für die Kollegen zu sprechen. Oft geht es um Probleme am Arbeitsplatz – aber manch einer, der zu Bärbel Koch ins Büro kommt, hat ganz persönliche Dinge auf dem Herzen. »Man kennt auch die privaten Schicksale«, sagt sie. Aber klar ist für sie auch: Über die Details muss sie Stillschweigen bewahren.

Das Betriebsratsbüro ist in einem der roten Backsteinhäuser des Solvay-Werks in Bernburg an der Saale untergebracht. Bereits seit 1883 wird hier Soda hergestellt. Gründer war der belgische Erfinder Ernest Solvay. Die Nationalsozialisten stellten das Werk 1940 unter Zwangsverwaltung. 1952 wurde es Vokseigener Betrieb (VEB) der DDR. 1991 erhielt der Solvay-Konzern sein Eigentum zurück – und investierte in neue Anlagen. Heute stellt das Werk Soda, Natriumbicarbonat, Wasserstoffperoxid und hochreine Phosphorsäure her.

Vermutlich gäbe es das Werk gar nicht, wäre da nicht der kalkhaltige Felsen unter der Stadt. In einem Steinbruch bauen 24 Männer und eine Frau den Kalkstein ab, aus dem das Soda hergestellt wird. Auch für sie ist Bärbel Koch zuständig, hält extra Versammlungen auf dem Gelände ab. Der direkte Draht dorthin ist die Kollegin aus dem Tagebau, die auch im Betriebsrat sitzt.

Bärbel Koch wohnt gemeinsam mit ihrem Mann in einer Dreizimmerwohnung am Rand der Innenstadt von Bernburg. Mit dem Fahrrad braucht sie bis zum Werk nur ein paar Minuten. Wenn man mit ihr durch die Innenstadt läuft, grüßt sie alle paar Meter jemand. Viele von ihren Kollegen kennt sie schon von Jugend an. Im September 1970 hat Bärbel Koch im Sodawerk in Staßfurt angefangen, damals Bestandteil des VEB Vereinigte Sodawerke Bernburg-Staßfurt. Zuletzt – bis 1986 – leitete sie dort ein Heim für Auszubildende. Sie kennt manch eine Jugendsünde – doch auf ihre Verschwiegenheit können sich auch ihre einstigen Schützlinge verlassen.

1986 zog es Bärbel Koch nach Bernburg, weil ihr Mann dort im Zementwerk arbeitete. Sie war fortan in der allgemeinen Verwaltung des Bernburger Betriebs beschäftigt. Wichtig war ihr auch hier, dass es ihren Kollegen gut ging. »Ich hab schon immer gerne mit Menschen gearbeitet.« Das bestätigen langjährige Weggefährten. »Sie hat sich immer gekümmert«, sagt etwa Wilfried Rosinski. »Ums Sozialwesen, alles was damit zusammenhing.« An Bärbel Kochs Kauenbegehungen erinnern sich einige Kollegen heute noch. »Selbst wenn man sie nicht gesehen hat, hat man sie gehört«, sagt einer von ihnen.

Bärbel Kochs Stimme ist laut. Während sie spricht, wirkt sie sehr freundlich – und man merkt, sie weiß, was sie will. Das war schon immer so. 1990 war es, kurz nach der Wende, als Bärbel Koch sich entschloss, sich auch offiziell für ihre Kollegen einzusetzen. Wie das funktionierte, musste sie erst lernen – die alte DDR-Gewerkschaft war dabei keine Hilfe und neue Strukturen waren gerade erst im Aufbau. Heute ist das anders: Mit einem umfassenden Beratungs- und Seminarangebot unterstützt die IG BCE die Arbeit in und die Gründung von Betriebsräten – dazu hat sie im Januar auch die Mitbestimmungsoffensive gestartet – und ihre Arbeit. Bei den nun anstehenden Wahlen wird voraussichtlich rund ein Drittel der Mandate neu besetzt werden. Erfahrungsgemäß haben die Kandidaten der IG BCE dabei gute Chancen; bei den letzten Wahlen lag ihr Anteil an den gewählten Mitgliedern bei über 77 Prozent. Insbesondere die neuen Betriebsratsmitglieder können sich mithilfe der Weiterbildungsangebote schnell mit ihren Aufgaben vertraut machen. So, wie es auch Bärbel Koch und ihre Kollegen vom Betriebsrat von Solvay in Bernburg getan haben. Sie sind später oft zu Seminaren in den Bildungsstätten der Gewerkschaft gefahren – zum Beispiel zu den Themen Tarifverträge, Rechtsprechung, Mitbestimmung in Aufsichtsräten und zum Altersteilzeitgesetz.

Doch 1990 musste es erst einmal ohne große Hilfe klappen. Bärbel Kochs Vorgänger besorgte ein Exemplar des Betriebsverfassungsgesetzes. »Wir haben dann gesagt, wir wählen einen Betriebsrat «, erzählt sie. Und sie wurde gewählt. »Durch meine Arbeit kannten mich die Kollegen.« Die Zeit nach der Wende war hart. Mehr als 1700 Mitarbeiter hatte der Betrieb damals – und es war klar, dass die größte Zahl von ihnen nicht über- pfen als für mich« nommen werden würde. »1991 hatten wir 400 Kündigungen auf dem Schreibtisch liegen – und von nichts ’ne Ahnung.«

Was hat Bärbel Koch überhaupt dazu bewogen, sich zu engagieren – und dann vor zwölf Jahren den Vorsitz im Betriebsrat zu übernehmen? »Für andere kann ich besser kämpfen als für mich«, sagt sie. Trotzdem habe sie eigentlich nicht Vorsitzende werden wollen. »Das war meine schwerste Entscheidung.« Doch schließlich entschloss sie sich dann doch, den Posten zu übernehmen – und die Unterstützung der Kollegen aus dem Betriebsrat war ihr sicher. »Wir sind eine eingeschworene Truppe«, sagt sie.

Was hat sie für die Betriebsratstätigkeit aufgegeben? Welche Karriere hätte sie sonst im Betrieb machen können? Bärbel Koch will an so etwas am liebsten gar nicht denken. Sie ist ihren Weg gegangen – und hat dabei eine ganze Reihe Ämter innegehabt: 1994 wurde sie in den Gesamtbetriebsrat von Solvay Deutschland gewählt. »Ich war die einzige Frau und die einzige aus dem Osten «, erzählt sie. Inzwischen ist sie auch itglied des Aufsichtsrats der Solvay GmbH, des deutschen Konzernzweigs. 1995 gründete sie den europäischen Betriebsrat mit. In dieser Funktion war sie immer wieder für Sitzungen in Brüssel, wo der Konzern seinen Hauptsitz hat. »Das erste Mal nach Brüssel fliegen – das war schon toll«, sagt sie. Klar war aber auch: »Ich saß da für Bernburg.«

Andere für ein Engagement im Betriebsrat zu gewinnen, ist nicht gerade einfach. Infrage kommen natürlich all diejenigen, die sich in der Jugendauszubildendenvertretung engagieren. »Bärbel Koch war für uns der erste Ansprechpartner «, sagt etwa Marcel Mlejnek, der seine Ausbildung abgeschlossen hat und in der Zeit in der Jugendauszubildendenvertretung aktiv war. »Sie hat uns immer wissen lassen, dass die Tür offen ist für Betriebsratsarbeit.«

Im Konferenzraum des Betriebsrats stehen Tassen auf dem Tisch. Bärbel Koch schenkt Kaffee ein. Um den Tisch herum sitzen Personalreferentin Katharina Nessig, Tilo Timplan, Fachkraft für Arbeitssicherheit, und der Student Eric Bohun. Der Betriebsrat will sich mit dem Gesundheitsprojekt proFit für den Gesundheitspreis der IG BCE bewerben. Bohun soll die Unterlagen dafür fertigmachen. Bärbel Koch hat alles zu dem Projekt vor sich auf dem Tisch aufgestapelt. Sie blättert durch die Unterlagen über die zu dem Projekt gehörenden Aktionen. »Hier haben wir eine Radtour gemacht«, sagt sie und zeigt auf ein Foto. »Und da eine Wanderung.« Koch war dabei, sie wandert leidenschaftlich gerne.

Treffen mit den Kollegen im betriebseigenen Gaskraftwerk. Für ein gemeinsames Foto ist gleich eine ganze Reihe von ihnen gekommen. Bärbel Koch umarmt etliche – so ein bisschen ist es auch ein Abschied. Nach zwölf Jahren als Vorsitzende des Betriebsrats kandidiert sie bei den Wahlen im März nicht mehr und geht stattdessen in Altersteilzeit. Sie wünscht sich, dass ihr Stellvertreter Wilfried Rosinski die Aufgabe übernimmt.

Ihr schwarzes Spielzeugschaf nimmt Bärbel Koch dann mit nach Hause.

Wolfgang Lenders